Wie
alles anfing
Mit 13 Jahren begann ich auf recht unfreiwillige Weise (diese Geschichte soll
ein anderes Mal erzählt werden) mit dem koreanischen Taekwondo unter
Vize-Weltmeister Wolfgang Dahmen (4. Dan). Es war mein Einstieg in die Welt
der fernöstlichen Kampfkünste - viel Beinarbeit, Kicks, Gymnastik
und erste Erfahrungen des merkwürdigen Gefühls, einen fremden Fuß
im eigenen Magen zu spüren. Wenig später war es mir innerstes Bedürfnis
mich mit den philosophischen und spirituellen Hintergründen der Kampfkünste
zu beschäftigen und so begann ich bereits mit 14 Jahren Laozi, Zhuangzi
und buddhistische Texte zu lesen. Leider war bei meinen ersten Lehrern diesbezüglich
jedoch eher nur große Leere statt Kenntnis dieser Lehre anzutreffen.
Inspiriert von amerikanischen Lehrbüchern und den ersten Bruce Lee-Filmen
begann ich mit 16 Jahren mit der Suche nach authentischem Kungfu, was in den
frühen 70er Jahren in Europa etwa so verbreitet war wie Öcher Platt
in Hangzhou/V.R. China.
So traf ich dabei in Maastricht auf Peter Laauwen Sensei, der "Kungfu"
unterrichtete, bzw. sein Training so nannte. Laauwen Sensei war ursprünglich
ein holländischer Kyakushinkai-Karate-Experte und Kenner der Materie
erahnen hier schon ein erstes Stück Vertiefung des "waigong"
per se - das Training war staubtrocken, knallhart und sehr "japanisch".
Doch wo war das eigentliche Kungfu, die chinesische Wurzeln? Nicht so weit
entfernt wie man auf den ersten Blick glauben mochte: In den 70er Jahren gab
es eine ganze Reihe Kyakushinkai-Meister, die neben dem Training bei Mas Oyama,
dem Begründer des Kyakushin, auch noch auf seine Empfehlung hin bei einem
anderen Lehrer trainierten. Diese Meister waren denn auch z.B. die Holländer
Jon Bluming, Kotzebue und Peter Laauwen und der japanische Lehrer war kein
anderer denn Kenichi Sawai. Sawai Sensei hatte in China bei dem berühmten
Wang Xiangzhai Yiquan gelernt und unterrichtete dies in seiner japanisierten
Form, die er "Taikiken" nannte. Doch zurück zu Laauwen Sensei:
So ist es mehr als verständlich, dass sein Training im Wesentlichen Taikiken-Elemente
aufwies, gewürzt mit der für Kyakushinkai typischen Härte und
(Voll-)Kontaktfreudigkeit.
Vom
Taikiken zum Kickboxen
Nach 3 Jahren Taikiken und Kaykushinkai endete mein Weg mit Laauwen Sensei:
Bis dato selbst Türsteher einer grossen Discothek in Maastricht eröffnete
er nun seine eigene Disco und zog sich aus dem Kampfkunst-Buisness zurück.
Auf seine Empfehlung hin wechselte ich zu Kees Haberlandt Sifu, einem Indonesier
mit holländischer Staatsbürgerschaft, der in Hunsbruck/NL N´Go
Pai Kungfu unterrichtete, bei jeder Gelegenheit aber seiner Leidenschaft,
dem Kickboxen frönte. Alsbald war es monatliche Regel mit Kees zu Turnieren
und Wettkämpfen nach Rotterdam und Amsterdam zu fahren, um sich dort
mit Shakuriki- und Meijiro-Gym-Kickboxern zu messen. Mit anderen Worten hieß
dies für mich: letzter Schliff in Sachen waigong, wöchentliche "Reifeprüfung"
im Ring, Eisspray und Aspirin im Handgepäck, aus den Stadionboxen dröhnte
"Eye of the Tiger" vor hunderten Zuschauern und "Rocky"
ließ grüssen.
Zum ersten Mal erfuhr ich wie es sich anfühlt, wenn jemand Dich ungespitzt
in den Boden stampfen will - und zu lernen, mit solchen Situationen umzugehen.
Kees Haberlandt unterrichtete in NL, weshalb ich parallel in Aachen nach geeigneten
Lehrern suchte und durch ein paar gute Studentenkontakte erfuhr ich von einem
Kungfu-Meister, der ausschließlich Chinesen und Indonesen heimlich im
Keller des Studentenheimes "Am Weissenberg" unterrichtete.
Changquan
und Tantui
Sein Name war "Eddie" Dyuanedi, der allerdings bei ersten Gesprächen
vorgab von Kampfkünsten keine Ahnung zu haben und bekundete, im Keller
mit anderen nur ein bisschen Fitnessgymnastik zu betreiben. Also nervte ich
Eddie so lange bis er mir erlaubte, dann eben "Fitness-gymnastik"
von ihm zu lernen. Er ließ mich allerdings immer eine Stunde früher
als die Chinesen kommen und immer wenn sie mit dem Training begannen musste
ich gehen. Natürlich kam mir dies "chinesisch" vor, weshalb
ich fortan öfters mal ein Handtuch, mal meine Tasche oder sonst irgendwas
vergaß um denn doch beim eigentlichen Training aufzutauchen. Kurzum,
nach 3 Monaten entpuppte sich Eddie als Meister in Tantui Quan und Shantung
Changquan und er nahm mich als einzigen nichtasiatischen Schüler an.
Eddie studierte tagsüber in Aachen Maschinenbau und verdiente sein Taschengeld
nachts in der "Femina", einem Aachener Nachtclub, als Türsteher.
Aus meiner heutigen Erfahrung auf die Geschichte der großen Kungfu-Kämpfer
Chinas zurückblickend war und ist es tatsächlich so, dass die besten
Kampfkünstler Bodyguards, Türsteher und Karawanenbegleiter waren,
was mir verschiedene chinesische Meister später bestätigten (siehe
auch den Film "Tiger and Dragon") Aan Sanusi Sifu hierzu: "Wenn
Du schöne Bewegung lernen willst, gehe zu Kungfu-Schule, wenn Du Kampfkunst
richtig lernen willst, gehe zu Bodyguards!"
Über Eddie lernte ich neben den Stilen die Unterschiede des Kämpfens.
Bislang war "Kämpfen" für mich ein sportlicher Wettstreit
mit Regelwerk und Schiedsrichtern gewesen. Als Eddie einst von einem Taekwondo-Meister,
der sich über Eddies Größe (ca. 1,55 m) mokierte, zum Kampf
herausgefordert wurde fragte er ihn lächelnd: "Willst Du spielen
oder kämpfen?" In seinem Stolz getroffen antwortete der Taekwondoka:
"Kämpfen natürlich!"
Ich werde nie die Panik in den Augen des armen Taekwondo-Meisters vergessen,
die aufstieg, als Eddie (weiterhin lächelnd) sich bis auf die Unterhose
auszog ("Eisenfaust" Pan Sifus Fäuste aus dem Film "Iron
and Silk" waren Damenhände im Vergleich zu Eddies Fäusten),
während der Taekwondoka feierlich seinen Dobok (Trainingskleidung) anzog
um sich anschließend eine Viertelstunde warm zu machen. Nach dem Warmmachen
verabschiedete er sich allerdings plötzlich, da er wohl ahnte dass er
den Raum ansonsten nur noch horizontal verlassen würde.
Nach 3 Jahren verlies Eddie Deutschland, jedoch nicht, ohne mich an einen
Chinesen namens Liu weiterzuempfehlen, der im Chinarestaurant an der Hotmannspief
Koch und ansonsten recht fit in Sachen Choylifa Quan war. Über ihn lernte
ich die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten von Holzklettergerüsten
auf Aachens Kinderspielplätzen in den frühen Morgenstunden. Lius
Haupptstil war Choylifa, eine effektive Synthese dreier eigenständiger
Stile, dem Choy-, Li- und Fa (Buddha)-Stil. In seinen letzten Jahren in China
hatte er noch zudem mit Tanglang Quan begonnen, unterrichtete es allerdings
nicht.
"Vom
Longfist zum Infight"
1977 hörte ich erstmals von einem angeblich sehr effektiven Stil namens
Wing Tsun (WT), wenngleich ich die veröffentlichten Abbildungen von Wtlern
recht albern fand. Als mittlerweile "Erfahrener" in Sachen Kampfkunst
wollte ich es genau wissen und fuhr zu meinem ersten WT-Lehrgang nach Kiel,
denn dort war Leung Ting, Yip Mans "Closed Door Student" für
einen Lehrgang zu Gast. Begeistert vom WT wurde ich Keith R. Kernspcht Sifus
Schüler und startete meine WT-Karriere. Wenn ich mich heute nach der
Essenz frage, die ich aus dem WT zog, dann mag es vielleicht u.a. dies sein:
Unterscheide zwischen praktikablen und unrealistischen Techniken und Prinzipien,
reduziere das Spektrum deiner Techniken auf ein paar wenige wesentliche statt
auf eine Vielzahl unwesentlicher, Nahkampf, Kompromisslosigkeit in der Selbstverteidigung.
Durch meine Fähigkeiten als Designer arbeitete ich längere Zeit
und oft eng zusammen mit Kernspecht Sifu (z.B. die ersten drei Ausgaben des
WT-Magazins habe ich layoutet, das Cover des Yip Man-Wooden Dummy-Buches ist
von mir gestaltet) und fuhr oft zu Lehrgängen, Seminaren in Kiel, später
nach Heidelberg und nach Schloss Langenzell, welches bis heute die WT-Metropole
ist. 1981 begann ich WT in Aachen zu unterrichten und dies sicherlich auch
fruchtbar, wenn man betrachtet, dass einige meiner Schüler heute international
bekannte Wing Tsun/Wing Chun-Lehrer sind, z.B. Viktor Gutierrez (WT-Bundestrainer/Spanien),
Salih Avci und Birol Özden, die eigene WC-/WT-Verbände gründeten
und zahlreiche Schulen im In- und Ausland führen.
Zeiten
des Wandels
Eine mehr als nur eine persönliche Krise führte 1984 dazu, dass
ich meine Schule schloss und keinen Unterricht mehr gab (chin.: der Lehrer
schließt die Hände). Der Grund war, dass Kampfkunst zunehmend kommerzialisiert
wurde - ein Aspekt, der sich mit meinem Verständnis eines ganzheitlichen
Reifungsprozesses nicht vereinbaren ließ, wenngleich Schüler bereit
waren jede Menge Geld für Illusionen auszugeben. Die Illusion, unbesiegbar
zu werden, möglichst viele Gegner möglichst schnell vernichten zu
können - letztendlich, innere Defizite und Traumata durch Kampfkunst
zu kaschieren.
Nachdem ich meine Schule geschlossen hatte, zog ich mich zurück und intensivierte
meine Zen-Praxis, die ich seinerzeit unter Dyuanedi Sifu begonnen hatte und
stieg in die Neijia-Künste ein, mit denen ich bis dato eher nur hobbymässig
geliebäugelt hatte. Ich praktizierte unter Meister Tjoa/Stuttgart und
Wang Sifu/Eindhoven, der mich auch in Bagua und Xingyi einführte.
Zurück
zu den Idealen
Die grosse Herausforderung zum Shanquan entstand 1988, als ich vom Sozial-Psychologischen
Zentrum Aachen den Auftrag erhielt, Freizeitprojekte für Drogenabhängige
zu entwickeln. Hier sah ich u.a. die Gelegenheit, Kampfkünste in der
Art und Weise zu unterrichten, dass sie tatsächlich zu einem ganzheitlichen
Reifungs- und Heilungsprozess führen konnten und ich setzte mich daran,
ein Konzept für eine Kampfkunst zu entwickeln, welches die für mich
wesentlichen Punkte enthalten sollte: ein effektives und realistisches Technikrepertoire,
einen wachstumsorientierten Reifungsprozess, einen philosophisch/spirituellen
Background und ein Trainingskonzept, welches den Menschen als Ganzes förderte
und sensibilisierte.
Das
Shanquan Kungfu - die Kampfkunst und der Berg
So begann ich die Essenz all des Erlernten herauszufiltern und es in eine
Form zu gießen - das Shanquan (shan, chin.: Berg; quan, chin.: Faust/-stil).
Der Berg war mir als vielfaches Sinnbild wichtig: Aus der Ferne sehen wir
einen Berg und wir wollen ihn besteigen. Nähern wir uns, so verändert
sich seine Form, sein Grösse. An seinem Fusse angelangt haben wir eine
Idee von dem Berg, wir beginnen den Aufstieg und wieder verändert sich
die Perspektive. Wir glauben die Spitze vor uns zu haben - um dann zu entdecken,
dass hinter dem Hügel ein weiterer Hügel ist. Es ist immer wieder
ein anderer Berg und doch zugleich ein und derselbe.
Der Fuß des Berges ist eine sehr weit gefasste Fläche, es gibt
viele Zugänge. Je höher wir kommen umso mehr reduziert sich die
Fläche, umso konzentrierter wird der Weg und dieser endet letztendlich
in einem Punkt.
Ebenso dient der Berg als Bild für die harte Arbeit, die es bedeutet,
eine Kampfkunst zu erlernen. Es ist kein Spaziergang einen Berg zu besteigen;
es bedeutet, "bitter essen", die Nacht als Teil des Tages annehmen
zu lernen.
Da ich 1988 noch nicht so vertraut mit der chinesischen Elementenlehre war
verwandte ich als Aufbaugrundlage das westliche platonische System der Elemente
- eine Lehre, welche auch den westlichen Mysterientraditionen als Kern dient:
Erde, Wasser, Feuer, Luft und Geist.
Erde - die Grundlage, das Fundament, Standfestigkeit, Verwurzeln, Basistechniken,
Beharrlichkeit
Wasser - weist auf Kraft durch Geschmeidigkeit, Anpassungsfähigkeit,
Technikkombinationen, das verbindende Element
Feuer - Dynamik und Explosivität werden entfaltet, Einstieg in den Kampf,
Kampfprinzipien und ihre Umsetzung, Einführung Shanquan-Waffen, Umwandlung
durch Verbrennung, Läuterung
Luft - Auflösen greifbarer Form, Arbeit mit innerem und äußerem
Raum, ständige Präsenz, Vertiefung Waffen, Einswerden mit dem Gegner,
Lösen der Unterschiede
Geist - Transzendenz, Handeln durch Nichthandeln, Spiritualität
Auf die "sanbao" bezogen ist dieses Elementensystem die Kultivierung
des jing als erste Stufe, die Umwandlung des jing in qi als zweite Stufe und
die Transzendenz des qi in shen als dritte.
Soweit der formelle Aufbau des Shanquan. Inhaltlich ist dieser Stil eine Synthese
dessen, was ich in der Vergangenheit lernte und ist auch heute noch Veränderungen
bzw. Wachstum unterworfen, denn schließlich bin auch ich noch nicht
am Ende des Weges angelangt.
Die technische Ebene des Shanquan besteht aus der Beinarbeit des Tantui/Changquan
und Xingyi, Handtechniken des Yongchun (Wing Chun), Choylifa und Xingyi, bezogen
auf die ganzheitliche Ebene aus dem Yiquan. Der spirituell/philosophische
Background ist daoistischer Natur.
Somit versteht sich Shanquan in der vorliegenden Form als Mitte zwischen waijia
und neijia.
Die Trainingsinhalte:
- Basistechniken
- Standform/Spiegelform
- Jibu- und Sanbu-Training (Partnerübungen)
- Wasserform
- Feuerform
- Luftform (Luftform m. Partner)
- Shanquan-Qigong
- Tuishou
- Sanshou
- Sparring
- Waffenformen (Säbel, Schwert, Stock)
- Verschiedene Meditationspraktiken
Man hat
mich vor Jahren einmal gefragt warum ich diesen Stil nicht "Schwerdt-Do"
genannt habe und ich gebe hierzu heute wie damals die gleiche Antwort: Meinen
Lehrern Respekt zollend ist diese Kunst durchweg eine chinesische und so authentisch
wie alle Stile, die wiederum von anderen abstammen (und dies ist bei 99,9%
aller Stile so).
Nicht zuletzt aber habe ich im Shanquan versucht, die Kampfkünste wieder
zurück zu ihren Idealen zu führen als ganzheitliche Wege der Reifung
und Seinsgestaltung. So wie unsere Reifung nie abgeschlossen ist, so ist auch
Shanquan als Stil ein fortlaufender Prozess - für meine Schüler,
wie auch für mich, denn wie ich entwickelt sich auch der Shanquan-Stil
weiter.
Beispielsweise gibt es die Wasserform noch nicht. Warum? Nun, bislang vertrat
ich die Auffassung das Wasser an sich keine Form hat, sich vielmehr anderen
Formen anpasst. Dennoch bin ich derzeit dabei eine solche Form zu entwickeln,
eine Form, die ermöglicht entsprechende Qualitäten zu entwickeln.
Bei meinen Studien chinesischer Meister entdecke ich seit einiger Zeit ähnliche
Phänomene, die deutlich zu Tage treten, wenn man z.B. die Ausdrucksformen
eines Stiles bei verschiedenen Meisterschülern des gleichen Lehrers über
verschiedene Trainingsperioden des Lehrers beobachtet.
Beispielsweise ist die Ausprägung der Techniken bei Yip Mans frühen
Schülern sehr verschieden von denen seiner späteren Schüler.
Alle Yangs des Taijiquan entwickelten eigene Formen, ebenso deren Derivate.
Die Xingyi-Formen heute sind ein vielfaches dessen, was Li Luoneng einst lehrte,
die 5-Elemente-Theorie kam zudem erst Anfang dieses Jahrhunderts hinzu.
Auch Wang Xiangzhai vermittelte über seine Lebensphase hinweg sowohl
Xingyi, später Dachenquan und nicht zuletzt Yiquan.
P.S. Schwerdt
Fortbildung
an der WIA
Qigong-Intensiv
Qigong-Ausbildung
Taijiquan-Lehrer/in
Wochenend
und wochentags
Workshops
Kurse in Aachen
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