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Auf den Spuren der Wudangkünste

Gibt es einen besseren Platz, um über die Wudangkünste zu schreiben, als im Wudanggebirge selbst? Wohl kaum. So sitze ich denn hier auf rd. 1400 m Höhe, gleich um die Ecke der Tempel zur Purpurnen Wolke, im Wudanggebirge und schreibe diesen Artikel.
Der Begriff der Wudangkünste hat zweierlei Bedeutung, weshalb er oft zu Verwechslungen und Mißverständnissen führt: Zum einen will der Begriff jene Künste beschreiben, die ihren Ursprung im Wudanggebirge haben, von hier stammen.

Wudang innen - Shaolin aussen?
Zum anderen gibt es in den sportlichen Wettkampf-Wushu-Richtungen Chinas eine Unterteilung in Shaolin-Künste und Wudangkünste. In letzterem Begriffsverständnis der Unterteilung fallen unter Wudang Taijiquan, Baguazhang und Xingyiquan. Sie fallen unter die sogenannten Neijia-Stile, die inneren Stile und unterscheiden sich von den Prinzipien her von den äußeren Waijia-Stilen, sprich Shaolin-Stilen. Der Legende nach gehen die Neijia-Prinzipien auf Zhang Sanfeng (rd. 900 u.Z.) zurück, einem daoistischen Adepten, der im Wudanggebirge besondere Verehrung findet, weil er hier lange Zeit lebte.
Irreführend wird das Ganze aber dann, wenn man glaubte, dass z.B. die 108er-Yang Chengfu-Form des Taijiquan oder gar eine beliebige Taijiquan-Kurzform aus dem Wudang stamme.
Bekanntlich beginnt die Taijiquan-Geschichte ja mehr oder minder in Chenjiagou Mitte des 17. Jahrhunderts, und diese Wurzel ist schon eine uralte, die keiner mehr recht ausgraben bzw. verifizieren kann. Was wir heutzutage als Taijiquan kennen, vor allem in Richtung Yang-, Wu- und Sun-Stil, entwickelte sich ja erst ab Anfang des 19. Jahrhunderts und dies nicht im Wudanggebirge, sondern im rund 700 km entfernten Peking.
Nicht anders ist es mit dem Baguazhang und dem Xingyiquan. Auch diese beiden entstanden Mitte des 17. Jahrhunderts, voneinander unabhängig, an verschiedenen Orten und weit weg vom Wudang.
Immer wieder jedoch stößt man bei tieferem Recherchieren darauf, dass es eine eigene Kampfkunstrichtung im Wudanggebirge gab. Manche Kungfu-Heroen Chinas erhielten im Wudang ihren letzten Schliff. Beispielsweise wurde der legendäre General Li von einem daoistischen Wudang-Mönch in der Schwertkunst ausgebildet und wurde alsbald Chinas bester Schwertkämpfer. Da dieser General Li mit der Yang-Familie befreundet war, half dieser denn auch Yang Chengfu bei der Entwicklung der Taijiquan-Schwertform, die es vor Yang Chengfus Zeiten noch garnicht gab.
Was ist also dran an den eigentlichen Wudangkünsten, gibt es sie und wenn ja, wo? Diese Frage und andere beschäftigten mich schon seit längerer Zeit und ich war umso verwunderter, als mir Chinareisende vor rd. 10 Jahren berichteten, auf dem Wudang übe man die 24er Pekingform, was nun wirklich nichts mehr mit Wudang zu tun hat.

Fortsetzung der Mythen in Tüten
Im Jahr 2000 hatte ich Gelegenheit, Li Xiande, der den Teilnehmern des Deutschen Qigong-Symposiums als Abt des obersten Wudangtempels vorgestellt wurde, und Tian Liyang, einem daoistischen Mönch aus dem Wudang, zu interviewen und ein paar neugierige Fragen zu stellen. Später erst erfuhr ich, das Tian eine traditionelle Wushu-Ausbildung absolviert hatte und erst danach im Wudang seßhaft wurde. Teilweise arbeitete er als Kungfu-Lehrer in einer der ansässigen Wushu-Schulen am Wudang und Gerüchten nach soll er auch versucht haben, eine eigene Schule aufzumachen. Ich erinnere mich noch gut an ihn, als ich bei ihm anlässlich des Symposiums ein Wochenendseminar mit dem Titel "Wudang-Qigong" besuchte. Der Unterricht bestand letztendlich aus ein paar warm-ups, dem herkommlichen Kniestreifen aus dem Yang-Taijiquan und im Kreisgehen aus dem Bagua. Das wars. Wudang-Qigong?
Li Xiande, erfahre ich hier auf dem Wudang, ist der Präsident der daoistischen Vereinigung der V.R. China und als Offizieller eigentlich immer auf Achse, nur nicht im Wudang anzutreffen. Überhaupt ist dies hier der Trend: die besten Pferde im Stall, mit denen am meisten geworben wird, sind eigentlich immer unterwegs im (reicheren) Ausland, um dort Seminare zu geben. So z.B. der Wudang-Großmeister und Linienhalter der Zhang Sanfeng-Sekte, der für die Wudang Daoist Kungfu Academy wirbt. Er ist auf allen Flyern und auf ihrer Website, doch nur selten in der Akademie. Meistens ist er zuhause oder auf Reisen. So auch der andere Wudang-Großmeister You Xuande, der der Hauptlehrer auf den Wudang-VCDs ist, die nunmehr auch in Europa in Umlauf kommen. Er hält sich größtenteils in Taiwan auf.
Wie auch immer: Ich fragte Li und Tian auf dem Symposium, was denn nun eigentlich die Wudangkünste seien und traditionsgemäß antworteten sie mit der üblichen Litanei Taijiquan, Baguazhang und Xingyiquan, weil die ja alle auf San Zhanfeng zurückgingen und im Wudang kultiviert wurden etc.. (siehe Artikel TQJ 2/2000).

Indie im Wudanggebirge - eine "Wegbeschreibung"
Also habe ich mich in alter Indiana Jones-Manier auf die Socken gemacht, um hier im Wudang, vor Ort, nach den alten Wudangstilen zu graben und wie soll es anders sein, man wird fündig. Doch zunächst einiges über den Wudang und die Situation hier: Das Wudanggebirge ist ein großer Gebirgszug in der Provinz Hubei im tiefsten chinesischen Inland. Zum Vergleich: Wenn man von Deutschland nach Hangzhou, dem Stammdomizil der Wushan International Association in China, reist, braucht man zirka 16 Stunden. Für die Anreise zum Wudanggebirge habe ich 54 Stunden gebraucht und dies über Zug, Flugzeug, Bus und Taxi. Das chinesische Inland ist bei weitem nicht so erschlossen wie die Metropolen Beijing, Shanghai, Hongkong und die Küstenregion, was sich teils zum Vorteil, teils zum Nachteil auswirkt, wenn man diese Region besucht. Der Nachteil ist, dass die Verkehrsverbindungen schlecht und typisch chinesischen Charakter haben, welcher Europäern nicht unbedingt liegt, sowohl an Hygiene wie auch an Komfort. Im Bezug auf Geschäfte ist hier halt alles an den Bedürfnissen der Chinesen ausgerichtet, nicht an den westlichen Besucherströmen. So findet man hier weder einen Foreign Language-Bookstore, noch edle Teelädchen. Auch die Unterkünfte sind halt eher chinesischem denn internationalem Standard nach zu bemessen.
Der Vorteil ist, alles ist wesentlich preiwerter, man fühlt sich nicht wie in den Metropolen Shanghai und Beijing in einer Weltstadtmetropole mit Skyline gleich Frankfurt, Paris oder New York, sondern wirklich wie in China. Alles geht etwas langsamer, man hat mehr Zeit, kein MacDonalds oder Kentucky Fried Chicken, und in allem steckt noch vielmehr der Duft von Abenteuer und Freiheit.
Die günstigste Anreise zum Wudang ist über Beijing mit dem Zug nach Shiyan, dem nächsten größeren Ort mit Bahnhof am Wudang. Shiyan ist Chinas zweitgrößter Automobilhersteller, ansonsten aber eher eine chinesische Kleinstadt. Von dort fährt man mit dem Bus nach Wudangcity, einem kleinen Örtchen am Fuße des Gebirges. Schon in Shiyan reckte ich meinen Kopf aus dem Zugfenster, um die ersehnten Gipfel des Wudang zu erblicken, sah aber nichts. Frust! Nach einstündiger Busfahrt erreichte ich dann endlich Wudangcity und wieder schaute ich beim Aussteigen neugierig um mich auf der Suche nach den wolkenumwobenen Gipfeln. Aber außer ein paar Hügelchen erinnerte die Umgebung geografisch allenfalls an die mir vertraute Eifellandschaft - hier ein Hügelchen, da ein Hügelchen. Das war alles. Komisch, dachte ich bei mir, und argwöhnte schon, dass man das Wudanggebirge wohl nur für Touristen ab und an aufbläst wie eine Schwimmente, um es dann wieder praktisch in einem Büdchen verschwinden zu lassen. Nun gut, ich nahm als in Wudangcity ein Taxi, das mich zum Wudanggebirge bringen sollte. Von hier aus fuhr ich denn noch zirka 45 Minuten, um endlich an dem großen Wudang-Tor, was ich von Fotos her kannte, anzukommen. Das Tor war auch wirklich so groß, wie es auf den Fotos schien. Nur, hinter dem Tor sah ich auch wieder nur die vertrauten grünen Hügelchen einer Eifellandschaft! Hier durfte der Taxifahrer auch nicht weiterfahren und es galt zunächst einmal 70 Yuan Eintritt zu zahlen, um durch das Tor zu kommen und sich eines der dort wartenden Taxis oder Kleinbusse zu chartern. Hier, wie überall in China, ist der Preis natürlich Verhandlungssache und man muß, besonders als Nichtchinese, schon hart feilschen.
Nun durchfuhr mein Minibüsschen das berühmte Wudangtor und ich fuhr durch die schon mehrfach erwähnte Eifellandschaft. Alles in saftigem Grün (Mai), aber keine Wolkengipfel. Ich kurze an dieser Stelle die Fahrt ab und merke einfach an, dass diese Fahrt nochmals über eine Stunde dauerte, langsam ins Gebirge hinein. Es ist halt wirklich ein riesiges Naturschutzgebiet immensen Ausmaßes und erst die letzten 30 Minuten schlängelt man sich mit dem Wagen die schmalen Serpentinen hinauf auf rund 1400 Meter zu meinem Domizil. Und hier sind sie, die Berge, teilweise dicht bewaldet, aber halt wie erwartet - von hier aus sieht man es, man ist im legendären Wudanggebirge!

Tradition versus Kommerz
Die Wudangkünste standen und stehen immer noch im Schatten ihres großen Bruders, der Shaolinkünste. Um den Shaolintempel herum stehen mittlerweile hunderte Schulen herum mit abertausenden von Schülern und schon vor Jahren entwickelte sich ein Massentourismus um Shaolin. Kein Wunder bei den Aberhunderten von Shaolinfilmen, Serienfolgen und nicht zuletzt auch Marketingstrategien von Shaolin selbst, die sich durchaus mittlerweile mit westlichen messen können. So errichtet Shaolin offiziell in allen großen Weltmetropolen eigene Tempel, in denen authentisches Shaolin-Kungfu unterrichtet wird, z.B. in New York, Paris, Berlin und anderenorts. Rund um Shaolin selbst werden viele Häuser der kleinen Händler abgerissen, da Shaolin selbst ein riesiges Ausbildungszentrum dort errichten will.
Anhand Shaolins Historie hatte man in China erkannt, dass Kungfu eine Goldgrube ist und einer der großen Anziehungspunkte für Touristen. Wudang, bis dahin eher in der Aschenputtelrolle und allenfalls Pilgerort tausender Chinesen daoistischer Ausrichtung, sollte ein weiterer Attraktionspunkt werden. Erst ist kaum mehr als 20 Jahre her, dass man überhaupt wieder Mönche in den Klöstern zuließ und allmählich werden einzelne Tempel restauriert und wiederbelebt. Von den aberhunderten daoistischen Tempeln des Wudanggebirges sind heute noch rd. 12 aktiv und pflegen die Tempelarbeit. Nun galt es also, auch im Wudang die Kampfkünste wieder auf Vordermann zu bringen und bald gab es die ersten organisierten Wudangreisen, auf denen man Wudangkünste lernen konnte. Doch meistens entpuppte sich dies als eine dem Kenner vertraute Kurzform bekannter Taijiquan-Stile oder als das herkömmliche Xingyiquan und Baguazhang des Wushu-Lehrplanes, wie er an den Wushu-Hochschulen unterrichtet wird.

Wo bleibt das Wudang Quan? Hier kommt es:
Wo ist es also, das eigentliche Wudangquan, die Vielzahl der verschiedensten Kampfkunstformen, die früher im Wudang kultiviert und geübt wurden? Ich will es Ihnen sagen: Es findet gerade wieder seinen Weg zurück in die Berge. Ähnlich wie in den Anfängen des Shaolin der 80iger Jahre machte man sich auf die Suche nach den letzten Erben der Wudangtradition und forschte, welche Lehrer noch welche Kunst unterrichteten und diese helfen nun, eine neue Generation authentischer Wudanglehrer/innen zu etablieren.
Im Umfeld des Eingangs zum Wudang gibt es fünf Kungfu-Schulen und eine sogar direkt neben dem Tempel zur purpurnen Wolke, die Wudang Daoist Kungfu Academy. Hier werden sowohl junge chinesische Nachwuchsatlethen in den Wudangkünsten ausgebildet, die neue Trainergeneration, wie auch Nichtchinesen. So treffe ich hier Marc aus England, der für 2 Monate hier Tai Yi Wuxing lernt, Erik aus Dänemark, Bernd aus der Schweiz, der auf der Flucht von Shaolin nach Wudang flüchtete und nun ein Jahr hier studiert, Irene aus den USA, die Bagua und Taiji lernen möchte, den bärenhaften Boris aus der Ukraine, Karl-Heinz aus Deutschland, der 4 Wochen lang sein Taijiquan vertiefen möchte und Björn aus Schweden, der hier für ein halbes Jahr das Wudangschwert schwingt. Die meisten der Teilnehmer wissen noch garnicht so recht, was alte Wudangkunst und was späterhin Wudangkunst genannt wurde. Der Grund, weshalb sie hier herkömmliches Bagua und Taijiquan lernen wollen. Doch auch all die anderen authentischen Stile werden hier unterrichtet, vom Huang Ni Zhang, Tai Yi Jiu Shi Zhuang, Tai Yi Wu Xing Quan, Liu Hui Shen Zhou, Zhi Ran Shen Chui, Fu Chen Jian, Lou Xian Fu Chen, Chun Yang Lian Huan Jian, San Bao Tai Ji Quan bis zum Zhang Sanfeng Taijiquan (und das sind nur einige der möglichen Stile).
Im Gegensatz zum kommerziellen Shaolin ist es hier noch regelrecht romantisch. Neben zirka 40 chinesischen Studenten gibt es kaum mehr als eine Handvoll westlicher und man lebt hier wirklich in der Abgeschiedenheit der Wudangberge.
Die Straße endet denn auch einige hundert Meter weiter, von wo aus man nur noch zu Fuß die einzelnen Tempel und abgelegenen Gipfel erobern kann. Zwar gibt es hier oben eine ganze Reihe Souvenirlädchen, doch die sind ganz nach dem Bedarf chinesischer Touristen und Pilger ausgerichtet: Wasserflaschen für den Durst unterwegs, chinesische Instantnudeltöpfchen als Marschverpflegung, Wanderstöcke, daoistische Anhänger und Kettchen sowie natürlich Schwerter in allen möglichen und unmöglichen Ausführungen.

Meinen Informanten zufolge werden die Künste auch nicht in den Tempeln kultiviert bzw. gehört dies nicht zum alltäglichen Tempelbetrieb, was eigentlich sogar Sinn macht. Wohl aber gibt es unter den Mönchen in den Tempeln einzelne, die die Kunst für sich üben. Auch gibt es hier und da Eremiten, die an kleinen Schreinen oder heiligen Plätzen in Höhlen leben und hier im Stillen für sich üben. So treffe ich z.B. den "barfüssigen Daoisten", der 12 Monate im Jahr und überall nur barfuß geht. Er lebt mit einem weiteren Mönch in direkter Nähe des Platzes, an dem Zhang Sanfeng den Grundstein des Neijia (der inneren Künste) gelegt haben soll und wie ich erfahre - ganz im Vertrauen - dass er selbst auch Bagua übt, aber niemandem zeigen mag.

Wundern macht mich, dass die Chinesen selbst vollkommen verblüfft sind, wenn ein Ausländer wie ich mehr über ihre eigenen Künste zu berichten weiss als sie selbst, womit ich hier immer wieder erstauntes Kopfschütteln errege. Andererseits ernte ich ebenso erstauntes Kopfschütteln, wenn mich Chinesen im Wudanggebirge erst über den Stand der deutschen Fussball-Bundesliga informieren müssen, der mir wiederum vollkommen unbekannt ist.
Fazit: Ja, es gibt sie, die Wudangkünste, wenngleich sie erst einmal den Kampfkunstinteressierten zugänglich gemacht werden müssen. Um diesem Missstand Abhilfe zu verschaffen, kooperiert die deutsche Wushan International Association (www.wushan.net) nunmehr mit der daoistischen Wudang Kampfkunst-Akademie auf dem Wudang zusammen und vermittelt Studienaufenthalte an der Quelle der Wudangkünste.



©} 2004 by Paul Shoju Schwerdt

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