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Bastis Reisebericht
Hangzhou 2001

"...and she's buying her stairway to heaven..."

Die alte Ballade von Led Zeppelin rieselte gemütlich aus den Bord-Kopfhörern, kaum das wir die normale Flughöhe erreicht hatten, und jetzt, fast sieben Stunden später, begleitet sie meine Gedanken noch immer.
Zutiefst aufgeregt, aber schon ziemlich müde lehne ich mich, mit einem breiten, zufriedenen Grinsen, in meinen Sitz zurück und beginne zu driften.
Von Aachen nach Düsseldorf. Von Düsseldorf nach Amsterdam.
Von Amsterdam nach Shanghai und von Shanghai nach Hangzhou.
Zehntausend Kilometer in rund 24 Stunden.
Unfassbar.
Während ich noch versuche mir über die Situation klar zu werden, in die ich mich da
-scheinbar mal wieder ohne es so richtig zu merken- gebracht habe, lasse ich meinen Blick gemächlich in Richtung Fenster wandern. Unter mir reißt die Wolkendecke auf.
Im milden Licht der aufgehenden Sonne blicke ich über die schier endlosen Steppen der Mongolei, sehe glitzernde Flüsse, schneebedeckte Ebenen, und hier und da blühende, flache Täler mit, im Gegensatz zu der Dimension des Landes, winzig anmutenden Ansammlungen menschlicher Zivilisation.
Eine junge Stewardess tritt an meine Seite und reicht mir das bestellte Glas Rotwein, jedoch nicht, ohne mir im wegehen noch einen strafenden Blick zuzuwerfen.
Ich sehe mich in der Kabine um.
Die meisten Leute schlafen noch, und bis auf vereinzelte Leselichter ist es dunkel im Flugzeug. Axel und Alex, meine zwei Freunde, sitzen ein paar Reihen weiter vorn und sind offensichtlich ebenso wach wie ich. Gedämpft schnappe ich ein paar Gesprächsfetzen auf, sie scheinen darüber zu debattieren, welche Art Alkoholika wohl den besten Schlaftrunk darstellt.
Paul Schwerdt, mein Lehrer, schläft einige Sitze neben mir in der selben Reihe, mit dem Kopf auf die Lehne seines Vordermannes gebettet.
So von der Seite betrachtet gelingt es ihm auf unnachahmliche Weise, die Ästhetik eines Crashtest-Dummies nach dem Aufprall auszustrahlen...
Schmunzelnd nippe ich an meinem Wein, genieße noch einmal die wiederaufkeimende Vorfreude, die meinen Körper durchflutet, und wende meinen Blick wieder dem Land unter mir zu. Nur langsam beginne ich zu begreifen. Wirklich zu begreifen.
Während meine Gedanken weiter treiben, greife ich nach den Kopfhörern und und setze sie mir wieder auf. Vielleicht gibt's ja noch ne Runde "Stairway"...
Ich lasse mich wieder in den Sessel sinken, schließe langsam die Augen und höre, wie eine Stimme erschallt, langsam an Intensität gewinnend, wie das entfernte, noch gedämpfte Donnern eines großen Unwetters...

"Yu-bèi !"

Erschreckt zucke ich zusammen. Ich fühle daß mir heiß ist, schweiß läuft mir übers Gesicht und den Rücken hinunter. Meine Beine brennen und ich habe das Gefühl, jede einzelne Muskelfaser in meinen Schenkeln spüren zu können.
Ich blicke auf und befinde mich in der Mitte einer Art größeren Sporthalle. Die Wände sind mit Holz beschlagen, der Boden mit Teppich ausgelegt. Durch ein geöffnetes Fenster höre ich den Regen prasseln, der draußen niedergeht. Es weht ein leichter Zug, aber es ist nicht kalt...

"Yu-bèi !!!"

Lauter diesmal, entschiedener.
Rechts und links von mir vernehme ich jetzt gekicher, und ich wende den Kopf.
Axel, Alex und Stefan stehen etwas vor mir in einer Reihe und gucken zu mir zurück.
Sie haben die Ausgangs-Position für unsere Shaolin-Kungfu Form eingenommen, die Fäuste an den Hüften, die Blicke hoch erhoben,und können sich doch ein leichtes grinsen in meine Richtung nicht verkneifen. Ich hänge ein Stück hinter ihnen in einer der letzten Figuren, den Hintern dicht über dem Boden, und träume vor mich hin.
Steffi, wie sie sich nennt, unsere chinesische Dolmetscherin, tritt neben mich.
"Ehr meint, duh möchtest hinstellen."
Wie elektrisiert erhebe ich mich und schließe zu den Anderen auf.
Die Mongolei, das Flugzeug, und leider auch mein schmackhafter Rotwein sind engültig verschwunden, zurück in die Vergangenheit, aus der sie kamen.
Auch die Landung auf dem Shanghai-Airport ist längst passé.
Es ist Freitag, wir sind knapp eine Woche in China, und mitten im Training.
Heute schließen wir die erste neu gelernte Bewegungsform ab, und unsere Lehrer Pàng treibt uns noch einmal an unsere Grenzen, da er uns wohl noch eine gute Portion neuen Stoff zum Üben übers Wochenende mitgeben will;
ganz zu schweigen von einer anständigen Portion Muskelkater...
"Na, wohl am träumen, oder was ?!", bekomme ich scherzhaft von Alex zu hören, als wir alle gemeinsam mit einem weiteren Übungsdurchlauf beginnen.
Wenn der wüßte, wie recht er hat...
Schritt, Schlag, Kick, Drehung.
Wir üben weiter, und unserer Trainer legt nun nochmal einen Zahn zu, Endspurt. Schneller, härter, tiefere Stände.
Mir fließt Schweiß in die Augen, ich höre jemanden angestrengt schnaufen und stelle fest, daß ich es bin. Einen kurzen, wehleidigen Augenblick frage ich mich, ob ich nicht doch besser Zen Meditation im Tempel hätte wählen sollen als diese Tortur hier...
Dann eine kurze Pause. Jemand reicht uns grünen Tee, den wir dankbar und voller Genuß hinunterschütten.
Hinter mir in der Halle höre ich Metall klirren, etwas Surrendes die Luft durchschneiden. Mein Lehrer Paul und seine langjährige Schülerin Claudia üben Schwerttechniken, sie im Taichi, er im Wudang-Stil.
Unser Lehrer ruft uns zurück in die Reihe, wir fahren fort.
Ich konzentriere mich wieder auf mich selbst.
Weiter, weiter, weiter.
Dann schließlich der Abschluss.
Erschöpft sinken wir zusammen, lernende Lehrer wie Schüler, und bedanken uns bei den Meistern für das heutige Training, nachdem diese und abermals ermahnt haben, am Wochende alles Gelernte auch fleißig zu repetieren. Als wir alle zusammen, frisch umgezogen und voller Vorfreude auf den kommenden Rest eines spannenden Tages, die Halle der Akademie verlassen, ist wohl keiner unter uns, der nicht ein bißchen Stolz zeigt, die erste Woche Training lebend überstanden zu haben...

Hangzhou ist eine wunderschöne Stadt, voller kleiner und großer Dinge die es zu entdecken und erleben gibt, vorausgesetzt, man ist bereit, sich ein bißchen darauf einzulassen. Mit ca. 1,2 Millionen Einwohnern ist die etwa 250 Kilometer südwestlich von Shanghai gelegene Metropole im chinesischen Sinne eine "Kleinstadt".
Da hier sehr viele bedeutende Kunst- und Bauwerke in noch gut erhaltenem oder restauriertem Zustand zu finden sind, hat die malerische, an einem großen See gelegene Stadt selbst unter Chinesen heutzutage schon den Status eines beliebten Ausflugs- bzw. Urlaubszieles. Der boomende Tourismus läßt Gelder fließen, die wiederum sowohl dem Aufbau von Neuem wie der Erhaltung des Alten zugute kommen, wodurch sich in Hangzhou eine einzigartige Synthese von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu vollziehen scheint. Um rund zwei Drittel des sogenannten "Westsees" spannt sich ein lockerer Ring einzelner Tempel, alter Klöster und traditionell angelegter, weitläufiger Parks, alle durch eine sich am Rande des Sees entlangschlängelnde, gut ausgebaute Straße verbunden. Weiter Außen ist das Areal durch dschungelbewaldete Berge eingefasst, die sich wie ein schützender, grüner Gürtel um diesen "ruhigeren" Teil der Stadt legen.
Nach Nordosten hin öffnet sich dieser Gürtel dann, um der -einer Großstadt würdigen- Skyline Hangzhous Platz zu machen, die das restliche Drittel des Seeufers für sich in Anspruch nimmt.
Hier steht Konzernwolkenkratzer neben hunderte von Jahren alter traditioneller Apotheke, moderne Universitätsklinik neben berühmter Kunsthochschule und neu fertiggestelltes Fußballstadion neben der vielleicht besten Kungfu-Akademie des Landes.
Dazwischen gleichsam ausgebaute Strassen wie auch heruntergekommene Gassen, kleine und große Geschäfte, Buden und Märkte, gigantische Labyrinthe aus pulsierendem Treiben, Lärmen und Leben.

Und mitten in alledem wir.
So zahlreich sind die neuen, fremden Eindrücke, so mannigfaltig die Erfahrungen eines jeden neuen Tages, daß sich dies in Worten hier nur unzureichend übermitteln läßt.
Wir driften, lassen uns treiben, und Atmen mit jeder Sekunde ein Stück der Atmosphere dieses Ortes, nehmen mit jedem Herzschlag den wir hier verbringen ein Stück dieser Welt in uns auf.
Das morgendliche Training der Taichi-Gruppe als auch unser Training an der Kung-Fu Akademie, daß uns erst ob der guten freundschaftlichen Kontakte von Paul Schwerdt und des Wushan-Vereins hier im Lande überhaupt ermöglicht wurde, bilden nur einen großen Pfeiler unseres Aufenthaltserlebnisses.
Wir tauchen ein in eine andere Welt, schwimmen in einem Meer neuer Attraktionen, verbringen jeden Moment unserer Freizeit mit Entdecken.
Der abendliche Bummel über die Flohmärkte, die anstrengenden, zum Teil stundenlangen Wanderungen durch den Dschungel, das Besuchen von imposanten Tempeln und uralten Höhlen, die Menschen sowie das Essen, alle tragen sie ihren eigenen, unnachahmbaren Teil zur Stimmung bei.

Am Ende dieses Tages falle ich ich erschöpft auf das Bett in meinem Hotelzimmer.
Ich bin jetzt knapp eine Woche hier, und ich bin endlich angekommen.
Mehr als eine weitere Woche steht mir noch bevor.
Ich liege auf dem Rücken und merke am Rande meines Bewußtseins, daß ich wieder anfange zu träumen.
Ich werde jetzt nicht mehr von der Vergangenheit träumen.
Noch im Einschlafen spüre ich, wie ein Lächeln meine Lippen umspielt.
Jetzt träume ich von der Gegenwart...

Bastian Wigele

 

© 2001 by WUSHAN INTERNATIONAL ASSOCIATION e.V.

 


beim Wushu-Training

 

 


Gruppenbild in der Wushu-Akademie

 

 


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