"...and she's buying her stairway to heaven..."
Die
alte Ballade von Led Zeppelin rieselte gemütlich aus den Bord-Kopfhörern,
kaum das wir die normale Flughöhe erreicht hatten, und jetzt, fast sieben
Stunden später, begleitet sie meine Gedanken noch immer.
Zutiefst aufgeregt, aber schon ziemlich müde lehne ich mich, mit einem
breiten, zufriedenen Grinsen, in meinen Sitz zurück und beginne zu driften.
Von Aachen nach Düsseldorf. Von Düsseldorf nach Amsterdam.
Von Amsterdam nach Shanghai und von Shanghai nach Hangzhou.
Zehntausend Kilometer in rund 24 Stunden.
Unfassbar.
Während ich noch versuche mir über die Situation klar zu werden,
in die ich mich da
-scheinbar mal wieder ohne es so richtig zu merken- gebracht habe, lasse ich
meinen Blick gemächlich in Richtung Fenster wandern. Unter mir reißt
die Wolkendecke auf.
Im milden Licht der aufgehenden Sonne blicke ich über die schier endlosen
Steppen der Mongolei, sehe glitzernde Flüsse, schneebedeckte Ebenen,
und hier und da blühende, flache Täler mit, im Gegensatz zu der
Dimension des Landes, winzig anmutenden Ansammlungen menschlicher Zivilisation.
Eine junge Stewardess tritt an meine Seite und reicht mir das bestellte Glas
Rotwein, jedoch nicht, ohne mir im wegehen noch einen strafenden Blick zuzuwerfen.
Ich sehe mich in der Kabine um.
Die meisten Leute schlafen noch, und bis auf vereinzelte Leselichter ist es
dunkel im Flugzeug. Axel und Alex, meine zwei Freunde, sitzen ein paar Reihen
weiter vorn und sind offensichtlich ebenso wach wie ich. Gedämpft schnappe
ich ein paar Gesprächsfetzen auf, sie scheinen darüber zu debattieren,
welche Art Alkoholika wohl den besten Schlaftrunk darstellt.
Paul Schwerdt, mein Lehrer, schläft einige Sitze neben mir in der selben
Reihe, mit dem Kopf auf die Lehne seines Vordermannes gebettet.
So von der Seite betrachtet gelingt es ihm auf unnachahmliche Weise, die Ästhetik
eines Crashtest-Dummies nach dem Aufprall auszustrahlen...
Schmunzelnd nippe ich an meinem Wein, genieße noch einmal die wiederaufkeimende
Vorfreude, die meinen Körper durchflutet, und wende meinen Blick wieder
dem Land unter mir zu. Nur langsam beginne ich zu begreifen. Wirklich zu begreifen.
Während meine Gedanken weiter treiben, greife ich nach den Kopfhörern
und und setze sie mir wieder auf. Vielleicht gibt's ja noch ne Runde "Stairway"...
Ich lasse mich wieder in den Sessel sinken, schließe langsam die Augen
und höre, wie eine Stimme erschallt, langsam an Intensität gewinnend,
wie das entfernte, noch gedämpfte Donnern eines großen Unwetters...
"Yu-bèi !"
Erschreckt
zucke ich zusammen. Ich fühle daß mir heiß ist, schweiß
läuft mir übers Gesicht und den Rücken hinunter. Meine Beine
brennen und ich habe das Gefühl, jede einzelne Muskelfaser in meinen
Schenkeln spüren zu können.
Ich blicke auf und befinde mich in der Mitte einer Art größeren
Sporthalle. Die Wände sind mit Holz beschlagen, der Boden mit Teppich
ausgelegt. Durch ein geöffnetes Fenster höre ich den Regen prasseln,
der draußen niedergeht. Es weht ein leichter Zug, aber es ist nicht
kalt...
"Yu-bèi !!!"
Lauter
diesmal, entschiedener.
Rechts und links von mir vernehme ich jetzt gekicher, und ich wende den Kopf.
Axel, Alex und Stefan stehen etwas vor mir in einer Reihe und gucken zu mir
zurück.
Sie haben die Ausgangs-Position für unsere Shaolin-Kungfu Form eingenommen,
die Fäuste an den Hüften, die Blicke hoch erhoben,und können
sich doch ein leichtes grinsen in meine Richtung nicht verkneifen. Ich hänge
ein Stück hinter ihnen in einer der letzten Figuren, den Hintern dicht
über dem Boden, und träume vor mich hin.
Steffi, wie sie sich nennt, unsere chinesische Dolmetscherin, tritt neben
mich.
"Ehr meint, duh möchtest hinstellen."
Wie elektrisiert erhebe ich mich und schließe zu den Anderen auf.
Die Mongolei, das Flugzeug, und leider auch mein schmackhafter Rotwein sind
engültig verschwunden, zurück in die Vergangenheit, aus der sie
kamen.
Auch die Landung auf dem Shanghai-Airport ist längst passé.
Es ist Freitag, wir sind knapp eine Woche in China, und mitten im Training.
Heute schließen wir die erste neu gelernte Bewegungsform ab, und unsere
Lehrer Pàng treibt uns noch einmal an unsere Grenzen, da er uns wohl
noch eine gute Portion neuen Stoff zum Üben übers Wochenende mitgeben
will;
ganz zu schweigen von einer anständigen Portion Muskelkater...
"Na, wohl am träumen, oder was ?!", bekomme ich scherzhaft
von Alex zu hören, als wir alle gemeinsam mit einem weiteren Übungsdurchlauf
beginnen.
Wenn der wüßte, wie recht er hat...
Schritt, Schlag, Kick, Drehung.
Wir üben weiter, und unserer Trainer legt nun nochmal einen Zahn zu,
Endspurt. Schneller, härter, tiefere Stände.
Mir fließt Schweiß in die Augen, ich höre jemanden angestrengt
schnaufen und stelle fest, daß ich es bin. Einen kurzen, wehleidigen
Augenblick frage ich mich, ob ich nicht doch besser Zen Meditation im Tempel
hätte wählen sollen als diese Tortur hier...
Dann eine kurze Pause. Jemand reicht uns grünen Tee, den wir dankbar
und voller Genuß hinunterschütten.
Hinter mir in der Halle höre ich Metall klirren, etwas Surrendes die
Luft durchschneiden. Mein Lehrer Paul und seine langjährige Schülerin
Claudia üben Schwerttechniken, sie im Taichi, er im Wudang-Stil.
Unser Lehrer ruft uns zurück in die Reihe, wir fahren fort.
Ich konzentriere mich wieder auf mich selbst.
Weiter, weiter, weiter.
Dann schließlich der Abschluss.
Erschöpft sinken wir zusammen, lernende Lehrer wie Schüler, und
bedanken uns bei den Meistern für das heutige Training, nachdem diese
und abermals ermahnt haben, am Wochende alles Gelernte auch fleißig
zu repetieren. Als wir alle zusammen, frisch umgezogen und voller Vorfreude
auf den kommenden Rest eines spannenden Tages, die Halle der Akademie verlassen,
ist wohl keiner unter uns, der nicht ein bißchen Stolz zeigt, die erste
Woche Training lebend überstanden zu haben...
Hangzhou
ist eine wunderschöne Stadt, voller kleiner und großer Dinge die
es zu entdecken und erleben gibt, vorausgesetzt, man ist bereit, sich ein
bißchen darauf einzulassen. Mit ca. 1,2 Millionen Einwohnern ist die
etwa 250 Kilometer südwestlich von Shanghai gelegene Metropole im chinesischen
Sinne eine "Kleinstadt".
Da hier sehr viele bedeutende Kunst- und Bauwerke in noch gut erhaltenem oder
restauriertem Zustand zu finden sind, hat die malerische, an einem großen
See gelegene Stadt selbst unter Chinesen heutzutage schon den Status eines
beliebten Ausflugs- bzw. Urlaubszieles. Der boomende Tourismus läßt
Gelder fließen, die wiederum sowohl dem Aufbau von Neuem wie der Erhaltung
des Alten zugute kommen, wodurch sich in Hangzhou eine einzigartige Synthese
von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu vollziehen scheint. Um rund zwei
Drittel des sogenannten "Westsees" spannt sich ein lockerer Ring
einzelner Tempel, alter Klöster und traditionell angelegter, weitläufiger
Parks, alle durch eine sich am Rande des Sees entlangschlängelnde, gut
ausgebaute Straße verbunden. Weiter Außen ist das Areal durch
dschungelbewaldete Berge eingefasst, die sich wie ein schützender, grüner
Gürtel um diesen "ruhigeren" Teil der Stadt legen.
Nach Nordosten hin öffnet sich dieser Gürtel dann, um der -einer
Großstadt würdigen- Skyline Hangzhous Platz zu machen, die das
restliche Drittel des Seeufers für sich in Anspruch nimmt.
Hier steht Konzernwolkenkratzer neben hunderte von Jahren alter traditioneller
Apotheke, moderne Universitätsklinik neben berühmter Kunsthochschule
und neu fertiggestelltes Fußballstadion neben der vielleicht besten
Kungfu-Akademie des Landes.
Dazwischen gleichsam ausgebaute Strassen wie auch heruntergekommene Gassen,
kleine und große Geschäfte, Buden und Märkte, gigantische
Labyrinthe aus pulsierendem Treiben, Lärmen und Leben.
Und mitten
in alledem wir.
So zahlreich sind die neuen, fremden Eindrücke, so mannigfaltig die Erfahrungen
eines jeden neuen Tages, daß sich dies in Worten hier nur unzureichend
übermitteln läßt.
Wir driften, lassen uns treiben, und Atmen mit jeder Sekunde ein Stück
der Atmosphere dieses Ortes, nehmen mit jedem Herzschlag den wir hier verbringen
ein Stück dieser Welt in uns auf.
Das morgendliche Training der Taichi-Gruppe als auch unser Training an der
Kung-Fu Akademie, daß uns erst ob der guten freundschaftlichen Kontakte
von Paul Schwerdt und des Wushan-Vereins hier im Lande überhaupt ermöglicht
wurde, bilden nur einen großen Pfeiler unseres Aufenthaltserlebnisses.
Wir tauchen ein in eine andere Welt, schwimmen in einem Meer neuer Attraktionen,
verbringen jeden Moment unserer Freizeit mit Entdecken.
Der abendliche Bummel über die Flohmärkte, die anstrengenden, zum
Teil stundenlangen Wanderungen durch den Dschungel, das Besuchen von imposanten
Tempeln und uralten Höhlen, die Menschen sowie das Essen, alle tragen
sie ihren eigenen, unnachahmbaren Teil zur Stimmung bei.
Am Ende
dieses Tages falle ich ich erschöpft auf das Bett in meinem Hotelzimmer.
Ich bin jetzt knapp eine Woche hier, und ich bin endlich angekommen.
Mehr als eine weitere Woche steht mir noch bevor.
Ich liege auf dem Rücken und merke am Rande meines Bewußtseins,
daß ich wieder anfange zu träumen.
Ich werde jetzt nicht mehr von der Vergangenheit träumen.
Noch im Einschlafen spüre ich, wie ein Lächeln meine Lippen umspielt.
Jetzt träume ich von der Gegenwart...
Bastian Wigele
© 2001 by WUSHAN INTERNATIONAL ASSOCIATION e.V.

beim Wushu-Training

Gruppenbild in der Wushu-Akademie

Paul übt Wudang-Schwert
Fortbildung
an der WIA
Qigong-Intensiv
Qigong-Ausbildung
Taijiquan-Lehrer/in
Wochenend
und wochentags
Workshops
Kurse in Aachen
Informationen
und Artikel über
Taijiquan
Qigong
Meditation
Heilkunst
Tuschemalerei
Wer mehr
schmökern will...
Bibliothek
Buchladen
Transparenz
und Kontakte
Wir über uns
Diskussionsforum
Gästebuch
Neuigkeiten
Links
Ihr Kontakt zu uns
Newsletter-Abo
kostenlos und aktuell!