Unsere
Reise nach Hangzhou stand unter dem Motto "Taijiquan", einer Bewegungs-Therapie,
die die Chinesen u.a. Künsten über Jahrtausende entwickelt und verfeinert
haben. Man kann diese und andere chinesische Künste längst hier
erlernen, jedoch ist es etwas ganz anderes, eine zeitlang mit Chinesen in
China zu leben und diese andere Welt kennenzulernen.
So
starteten wir am 11. Oktober 1998 erwartungsvoll und frohgemut, eine kleine
Gruppe von 16 Frauen und Männern unter der Führung von Paul Shoju
Schwerdt, der diese Reise organisiert und vorbereitet hatte.
Umsichtig
und erfahren (er war ja schon mehrfach dort) vorbereitet und bestens organisiert.
Für
die meisten von uns war China eine völlig neue Erfahrung: so weit - so
fremd - so anders. Das Fremdheitsgefühl jedoch konnten wir bereits bei
der Ankunft am Flughafen von Shanghai vergessen, wo wir von einer Abordnung
der Wushan Gesellschaft aus Hangzhou mit einem großen Transparent "Willkommen
unsere lieben Freunde aus Deutschland" empfangen wurden.
Lautes
Hallo, Umarmungen, das tat gut nach der langen Reise!
Es
war sehr warm, 25 Grad und sehr hohe Luftfeuchtigkeit, und wir dachten leicht
beklommen an all die warmen Klamotten, die wir mit hatten. Unsere chinesischen
Freunde brachten uns dann mit einem Bus nach Hangzhou. Die Straßen außerhalb
der Stadt sind sehr schlecht, der alte Bus wurde furchtbar geschüttelt
und wir mit ihm. Auf dieser Fahrt sahen wir eine ganze Menge von China, was
Touristen, die die Vorzeigeorte und reine Kulturstätten besuchen, nicht
zu sehen bekommen. Die Fahrt dauerte für ca. 300 km runde 5 Stunden.
Der
dichte Autoverkehr, Überholen links oder rechts, jeder fährt so
schnell er kann, die Hand ständig auf der Hupe. Dazwischen unzählige
Fahrräder, dreirädrige Gefährte mit hoch aufgetürmten
Lasten, Rikschas und Fußgänger. So müde wir waren, wir schauten
und schauten und staunten. Männer und Frauen tragen Lasten auf Bambusstangen
auf den Schultern.
Bambus!
Kaufen wir hier einen Bambusstab, so kostet ein daumendickes Stück von
einem Meter 2 DM. Staunend sahen wir, daß in China Bambus nicht nur
liebevoll gemalt wird, sondern Verwendung für tausenderlei Dinge findet.
Die Baugerüste sind aus Bambus, Leitern, Möbel, die Eßstäbchen,
Besenstiele, Abfallkörbe, usw. usw.
Die
Fensterscheiben sind blau, ebenso vielfach die Scheiben der Autos. An den
Fenstern sehe ich keine Blumen, keine Gardinen, aber an den Straßenrändern
blühen streckenweise tolle Blumen.
Endlich
Hangzhou, unser Huagang-Hotel. Im Fahrstuhl ein Wollteppich, der "Monday"
verkündet. In den hübsch eingerichteten Zimmern finden wir heißes
Wasser und alle Zutaten für Tee. Täglich, ebenso Papierpantöffelchen.
Am
nächsten Morgen beginnt das "Programm". 7 Uhr Taiji (wenn der Hahn kräht
...). Dann chinesisches Frühstück mit vielen Sorten Gemüse,
Dampfnudeln, geheimnisvoll gefüllten Röllchen, Salate, Schinken,
gekochte Eier mit Bärten (sind das die 100jährigen?), Kuchen, Toast,
gebratene Nudeln, Bohnen, Obst.
Im großen schön angelegten Garten des Hotels besprechen wir alles, was in den nächsten Tagen auf uns zukommt. Dann ein erster "Spaziergang" unter Pauls Führung in Richtung Stadt, am wunderschönen Westsee entlang, er zeigt uns das Jingci -Kloster, wo er einige Zeit gelebt hat und buddhistischer Mönch wurde. Die Leute drehen sich nach den "Langnasen" um , lächeln und sagen "Hello! " .
Es offenbaren sich uns bittere Armut, Schmutz, Elend neben schönen Geschäften, gut gekleideten Menschen. Alle Männer sind glatt rasiert und bestaunen Hermann, der einen Vollbart hat. Die Kinder zeigen lachend auf ihn. Im Laufe der nächsten Tage wird Hermann ständig angesprochen, ob man sich selbst oder ein Kind mit ihm fotografieren dürfe. Selbstverständlich! Wir freuen uns über die allgemeine Freundlichkeit der Chinesen.
Unser
erster Spaziergang im Huagang-Park ist wunderbar. Blumen, natürlich Bambus,
zauberhafte Schmetterlinge, malerische Pagoden, Brücken und Brückchen,
Verkaufsbuden mit Eßwaren, Trinkwasser in Halbliterflaschen (2 Yuan),
leuchtend bunten Seidentüchern und vielen Dingen für Touristen,
die wir begeistert kaufen. Dies alles begleitet vom unermüdlichen Gezirpe
der Zikaden.
Zum
Abendessen sitzen wir dichtgedrängt an einem riesigen runden Tisch mit
einer riesigen drehbaren Platte darauf. Das Essen ist vielfältig: vielerlei
Gemüse, Fisch, Fleisch, Eier, Nudeln, Reis, Suppe, manchmal in Honig
gebackene Früchte als Nachtisch, sonst Obst. Natürlich essen wir
mit Stäbchen.
In
den nächsten Tagen sehen wir dank Pauls Führung zunächst das
Kunst-Museum der Provinz, wo unter anderem ein Raum mit Gastgeschenken aus
verschiedenen Ländern ist. Wir entdecken einen Aachen-Teller mit dem
Elisenbrunnen..
Die Entfernungen
zu unseren Zielen sind sehr groß, Taxifahren ist sehr billig und geht
rasend schnell, im wahrsten Sinne des Wortes.
Für
die Maler unter uns ist der Besuch des "Papierladens" eine Offenbarung. Diese
vielen schönen Papiersorten, Pinsel in Größen und Sorten,
Tuschen usw. usw.. Und zu welchen Preisen!
Ich
kaufe jede Menge Papier und Pinsel und anderes. Das Papier wird per Postpaket
nach Hause geschickt. Am Ende unseres Aufenthaltes kam eine Frau von der Post
ins Hotel, sogar aufs Zimmer, "wog" meine Papierrollen in der Hand, kassierte
das Porto und versprach, alles zu verpacken und nach Deutschland aufzugeben.
Wo gibt es sowas?
Inzwischen
steht auf dem Teppich im Aufzug "Saturday", und wir haben schon sooo viel
erlebt und gesehen. So fuhren wir mit Taxis hinauf auf den Yunang-Berg, das
ist eine große Tempel-Anlage, Opferstätte, Höhlen mit allerhand
"Heiligen" .
Wir
besuchten den Jingci-Tempel, wo Paul liebevoll begrüßt wurde. Am
Ling-jing-Tempel herrschte doller Touristenbetrieb. Unzählige Andenkenbuden,
Menschenmassen, Busse, Freßbuden. Wir wurden lebhaft an Königswinter
erinnert.
Abends
erlebten wir das berühmte Feuerwerk. Eineinhalb Stunden lang, tausende
Menschen unterwegs, Straßen gesperrt. In der Akdemie der schönen
Künste wurden wir herumgeführt und konnten anschließend in
die Ateliers gehen, den Studenten zuschauen und Fragen stellen. Überall
wurden wir freundlich empfangen und man zeigte uns bereitwillig alles.
Einer
der Höhepunkte unserer Reise war der Besuch bei Professor Jiang Jin in
dessen Privathaus, einem sehr schön renovierten Bauernhaus. Er ist Kalligraph,
erklärte, demonstrierte und zeigte seine Kunst. Dort wäre ich gerne
tagelang geblieben.
Auf
dem Rückweg sahen wir eine kleine Trauerprozession. Männer und Frauen
in braunen und schwarzen Trauergewändern trugen in leeren Cola- und Bierdosen
Kerzen, murmelten Gebete.
Abends vertraue ich meinem Tagebuch Beobachtetes an:
Es gibt
keine Kinderwagen, die Kinder werden getragen, es gibt ja nur eines pro Familie;
es gibt keine Graffitti, keine zerstörten Telefone. Taxifahren ist haarsträubend,
aber man gewöhnt sich dran. Wir sahen keinen einzigen Unfall. Die Taxen
werden mit billigem Diesel gefahren, die Luft ist sehr schlecht. In den Bäumen
an den Straßen hängt Wäsche zum Trocknen, die Leute heben
sie mit langen Bambusstangen hinauf und hinab.
Sehr
interessant war der Besuch einer Teeplantage im Lungjing-Tal..
Der
Tee von dort ist sehr berühmt. Die Leute erklärten uns vieles über
den Anbau, servierten jede Menge zum Probieren und verkauften natürlich
auch.
Interessant
war auch der Nachmittag, an dem Xia Tao und Herr Zheng uns sehr ausführlich
über chinesische Massagetechniken erzählten, demonstrierten und
uns machen ließen.
Inzwischen
haben wir alle im Gewirr der Altstadt die "alte Apotheke" gefunden. Wahrlich
sehenswert. Das Haus ist zugleich Museeum und reich an Dokumenten aus der
uralten chinesischen Medizin.
In
der ersten Woche unseres Aufenthaltes hatte Paul seinen Meister in Taiji gemacht.
Die Ehrung aller neuen Meister fand in einem Auditorium der Uni statt mit
Presse und TV. Es wurden viele Ansprachen gehalten, immer wieder die Freundschaft
zwischen China und Deutschland betont, mit viel Sympathie, das konnte man
spüren. Die einzelnen Taiji-Vorführungen mit Musikbegleitung waren
sehr eindrucksvoll, wunderschön anzusehen. Der Gesang einer Sängerin
war etwas fremd für unsere Ohren, vor allem auch die Begleitung auf einem
Instrument, das das Geräusch einer Säge hervorbrachte. Ein Sänger
trug "Leise flehen meine Lieder" auf Chinesisch vor, es war rührend und
sehr schön.
Nach all diesen vielen schönen, mit soviel Engagement gebrachten Vorführungen, Ansprachen und musikalischen Einlagen, nach allen freundschaftlichen Gesprächen, fuhren wlr zum Lou Wai Lou, wo uns wiederum ein tolles Essen erwartete. Es ging sehr lebhaft zu, selbst der 93-jährige Meister genoß die frohe Runde und stimmte immer wieder ein in die vielen "gampei´s" (Prost).
Der abendliche
Besuch des Flohmarktes in der Stadt wurde fast zur Routine, obwohl es kein
so richtiger Flohmarkt war. Sehr auf die Touristen abgestimmt mit viel Neuware.
Seide, Jadefiguren, Kleidung, Namensstempel, Kitsch und Krimskrams.
Am
22. Oktober hatte Tamer Geburtstag. El'gentlich wollten wir ihn beschenken,
legten zusammen. Dann beschenkte er uns, und zwar mit einem Abendessen im
Jingci-Tempel, der schon erwähnt wurde. Wir alle hatten das chinesische
Essen im Hotel ziemlich satt. Es war zwar gut und reichlich, aber es wiederholte
sich bald. Die Mönche im Jingci-Tempel überraschten uns jedoch mit
einem sehr leckeren, vegetarischen Essen. Danke, Tamerlll
Das
Geburtstagsgeschenk von Xia Tao - ein festlich dekorierter Kuchen - wurde
direkt zum Nachtisch verspeist. Auch das war ein Genuß.
Am letzten Abend lud Paul uns alle zum Essen ins "Happy Palace" ein. Auch hier war das Essen einfach fabelhaft. Sehr schön war auch die Musikbegleitung auf Instrumenten, die es bei uns nicht gibt.
Alle chinesischen Freunde waren da, es wurde viel erzählt und gelacht, obwohl man schon die Wehmut über den bevorstehenden Abschied spürte.
Ein herzliches Dankeschön ging an Herrn Zheng, der ein sehr gutes Deutsch spricht und mit unendlicher Geduld alles übersetzte und erklärte.
Hertha-Anne Mechlem
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