Jetzt, wo ich an meinem Schreibtisch sitze und etwas über unsere Chinareise schreiben möchte kreisen mir Tausende von Gedanken durch den Kopf. Kann man, kann ich all dem gerecht werden? Ich versuchs. "Die Seele braucht etwas länger um anzukommen!" habe ich mal gehört. Sollte da was dran sein? Und die Frage "Wie lange dauert "etwas länger" um anzukommen habe ich auch schon gehört. Sollte daran etwas dran sein? Und die Frage: Und was ist wenn "etwas länger" vorbei ist? Auf jeden fall ging ich schon vor der Chinareise reisen. Ich hatte bestimmte Vorstellungen wie China sein könnte, aufgrund von Erzählungen, Bildern, Büchern... und auch eine Vorstellung von der Abreise. Alles Gobi?
Ich begab mich sogar vorher in die Nähe von chinesischen Mitbürgern um noch ganz viel "wertvolle Erfahrungen" zu sammeln, die ich dann ihn China souverän an den Mann/Frau bringen konnte. Ich war also bestens vorbereitet. Dachte ich. Aber da war noch etwas das mir sagte: Ruhig Tamer, laß es auf dich zukommen, schau dir China an wo auch China ist!" Aber sowas lass ich mir ja nicht vorwerfen. Ist doch klar, oder? (Der Skeptische rechts auf dem Foto bin ich)
Also klar und ruhig war der Sonntag, der Tag der Abreise, für mich nicht so ganz. Nachdem ich unruhig geschlafen hatte - meine Seele war womöglich schon vorgeflogen - und meine Reisetasche 8-12mal umgeräumt und die wichtigen Sachen an noch wichtigeren Plätzen verstaut und versteckt hatte - klingelte es an meiner Haustüre. Das war ein Zeichen des Himmels, nein, es war Michael der unten auf mich wartete und wartete.
"Du solltest jetzt mal langsam runterkommen!" - "Ja, ja, ich komm ja schon!" Unten angekommen, aber irgendwie doch nicht, ging ich gedanklich alles wieder und wieder durch: Wasserhähne, Strom, Fische versorgt, Heizung, ach Scheiße, auf wieviel steht die denn noch... hoffentlich nicht zu hoch, Paß, Ticket, liegen die zusammen und wenn ja wo im Handgepäck oder Tasche..., ach nee in der Jacke...ob das so gut ist in der Jacke? Besser wäre ja...
Dialoge wie diese mit mir, oder jene mit Michael waren typisch für die Abreise:
Michael:
"Alles klar, Tamer?"
Tamer:
"Ja ja, alles klar!"
M.:"Jaaaa,
jetzt ist es soweit. Jetzt fliegen wir nach China, ne?"
T.:"
Ja, super, nach China, klar..!"
M.:"Und
Tamer, alles dabei? Ticket, Paß, Geld...?"
T.:"Jaja,
alles bestens. Und bei Dir?"
M.:"Ja,
alles klar!"
In der
Bahnhofshalle standen schon einige und der Rest kam pünktlich an. War
ja auch kein Training heute. Es
war - glaube ich - 12.30 Uhr am Aachener Hauptbahnhof, aber was ich sicher
weiß ist, daß ich tausendmal auf die Uhr geschaut habe und mir
wünschte, schnell abzufahren. Vor dem Einsteigen noch die letzten Abschiedszeremonien
wie z.B. Kofferhochheben, Kofferwiederabstellen, persönliche Passkontrolle,
letzte Blicke auf den heimischen Bahnhof und die ersten Lichtblicke Richtung
China. Jetzt begann also die 24stündige Fahrt-Flug-Fahrt und die sollte
also tatsächlich einen ganzen Tag dauern...
Die
ersten Tüten mit Keksen, Bonbons, Schokolade usw. wurden schon nach kurzer
Zeit abgeräumt und es sollte kein Ende nehmen. Dazu passend eine ausgefallene
Darbietung des Zugstewards.
Jetzt einige Zeitsprünge, die in Wirklichkeit anders - eben "länger" - dauerten: 4 Std. Zugfahrt durch Deutschland, 12 Std. Flug über 12 Länder und Landschaften, die mir soviel sagten wie "die Wüste Gobi", nur eben manchmal weiß, manchmal grün, braun, manchmal unter Wolken, manchmal hoch, manchmal flach, mal mit "Wasserpfützen", mal "wüstig", aber eben irgendwie "gobi". Die Zeitumstellung war auch schon angekündigt und die sollte auch an mir nicht vorübergehen. Nur - was sollte das sein? Die zeit umstellen? Was passiert denn dann? War eine meiner Fragen. Die Antwort war irgendwie auch "gobi":
Weniger dunkel, mehr hell und vor allem schneller!
Parallel dazu bisschen aufgedreht, bisschen mehr müde und bisschen mehr platten Hintern und noch paralleler links von mir Musik aus dem Walkman und rechts Musik aus dem Hals/Nasenraum. Ich kam der Zeitverschiebung immer näher, oder war sie jetzt schon da? Nein, jetzt, neue Zeitvorgabe auf der Leinwand (auf dieser Leinwand liefen 3 oder 4 chinesische Spielfilme mit englischen Untertiteln. Ich konzentrierte mich auf die Sprache und fragt mich nicht nach dem Inhalt). Also jetzt Uhren umstellen. So, hätten wir das auch erledigt - oder fehlt mir jetzt ein bisschen Zeit? Oder mehr weniger? Ich merkte daß ich auf jeden fall immer mehr von "gobi" auf "gagga" kam.
Ich wollte zu unmöglichen Zeiten schlafen und ich war fit wie ein Turnschuh wenn die Routinierten schlafen gingen. Aber nach ein paar Tagen war das wirklich gut, aber es warteten noch andere Abenteuer auf mich.
Knabbern auf dem Wushan
"Kleines Spatzenkind, rasch aus dem Weg, aus dem Weg, ein Hengst geht doch durch!"
Dieser
Dreizeiler von Issa kommt meinem Zustand schon sehr nahe, je näher wir
Shanghai anfliegen. Fliegt man einige tausend Meter hoch so ist man ziemlich
hoch oben. Fliegt man nicht mehr ist man am Boden. Aber es gibt "so eine Schwelle"
oder eine "Zeit" oder einen "Übergang", ich meine: So kurz vor dem Boden,
"da ist man nicht ganz da und wenn man da ist auf dem Boden ist es vorbei!"...
Ich
glaube ich hing ganz schön in der Luft. Es war die Zeit des Ankommens
in China. Die
ersten Häuser, Gebäude, Fabriken kamen mir entgegen und ich ihnen.
Ich
war voller Aufregung, wollte mich zügeln aber "es ging mit mir durch".
Keine kleinen Spatzenkinder auf der Landebahn also konnten wir landen. Unser
Flugzeug kam zum Stehen, ich wartete auf ein großes allgemeines Klatschen...
aber es blieb aus. Den Flur entlang stand ich alsbald zum ersten mal unter
chinesischem Himmel. Ich wäre nch ein Weilchen auf der Treppe des Flugzeugs
stehengeblieben um diesen Moment auszukosten und zu genießen, aber die
Schlange bewegte sich immer weiter mit anderen Schlangen zusammen in den Bus,
in die Hallen, in die Passskontrollen, an diversen anderen Kontrollen vorbei
bis hin zur Gepäckausgabe. Obwohl ich keine Gepäckversicherung abgeschlossen
hatte bekam ich meine Tasche und begab mich zum Ausgang.
An den Gesichtern meiner Reisebegleiter konnte man die Anstrengung und Aufregung der Reise ablesen. Die Unterhaltungen waren knapper geworden und mit dem Lächeln ging man sparsamer um. Und das im land des Lächelns? Diese Abgeschlagenheit hörte abrupt auf als ich jenes Plakat am Ausgang erblickte, auf dem in deutscher Sprache stand: "Herzlich willkommen liebe deutsche Freunde!"
Ich war platt! Eine Schrift die ich lesen konnte neben all den gemalten Wörtern. In mir die Frage: "Wo ist hier und was machst Du hier?"
Ich blickte in die lächelnden Gesichter der tausend Chinesen (in Hundertscharen treten die Chinesen nie an) und erspähte mit meinen roten Augen Xia Tao, der ganz besonders lächelte und sich wie ein Kind oder eben wie Chinese freute. Ich war also doch im Land des Lächelns und war gerührt von diesem herzlichen Empfang und auf eine ganz besondere Art "betroffen".
Vom Bus
aus konnte ich nun anfangen China im wahrsten Sinne des Wortes aufzusaugen.
Dieser
Verkehr auf den Straßen ist einfach unbeschreiblich. Für unser
Verständnis des Straßenverkehrs ist es ziemlich chaotisch für
uns! Aber es ist nicht chaotisch: Es ist anders! Chinesischer erkehr hat
seine eigenen Regeln, Autofahrer leisten Millimeterarbeit, es gibt nicht "deine
Spur, meine Spur", die Fahrspuren sind für alle da, der sie eben gerade
braucht auch, wenn es die Gegenfahrbahn ist. Es wird Rücksicht genommen,
soviel wie: Wer als erster kommt, ist als erster auch dran ohne Murren und
Aufregung. Ich
habe bei einigen Situationen die für mich haarsträubend waren die
fahrer beobachtet: Nichts, absolut nichts kein meckern, kein Stinkefinger,
keine unnötigen oder gar verletzenden Reaktionen.
Neben
diesem faszinierenden Verkehr ein völlig neues Stadtbild: Baugerüste
ganz aus Bambus, winzig kleine Häuschen aus Holz, Wellblech, Blech, Eisenstangen,
Beton, verstrebt mit Stangen, Ästen dies alles einzeln und alles in
seinen unzähligen Kombinationen.
Wäscheleinen,
die über die Straßen gezogen sind, voll mit frischgewaschener Wäsche,
vielleicht ein paar Tabakblätter dazwischen, Kinder auf der Straße
die einfach nur spielen, mit und ohne Spielzeug, arbeiten oder beides.
Obwohl
auf den Straßen sehr viel los war konnte man nicht von Streß oder
Hektik sprechen, wie wir sie kennen. Auf unserer Fahrt ins Hotel wurde es
zwischendurch still im Bus, aus Gedöse wurde Schlaf, der aber nicht ewig
hielt, eben nur bis zum nächsten Schlagloch oder Ausweichmanöver.
Irgendwie
erlebte ich vieles anders als gewohnt. Meine Reisebegleiter hatte ich noch
nie schlafend, geschweige schnarchend erlebt, noch nie eine chinesische Busfahrt
und das mit all den ganz neuen Düften in der Luft und immer wieder die
Frage in mir: "Was ist das jetzt wieder?" Unterwegs mußten z.B. einige
aufs Klo und ich auch. Ansonsten war ich gewohnt innerhalb von wenigen Minuten
an einer Raststätte mein Bedürfnis zu entrichten.
Hier
war auch das anders. Einer unserer chinesischen Reisebegleiter führte
uns erstmal aus dem Bus heraus durch Straßen zu einem Geschäft,
was ausgestattet war wie ein Fotoatelier,, aber auch ein Brautkleidgeschäft
oder ein Friseur. Hier, im 5. Stock konnten wir endlich nacheinander zur
Toilette gehen.
Man bemühte
sich weiter um uns. Auch bei der Ankunft wurden uns die Türen aufgehalten,
Koffer getragen. Es war ungewohnt doch daran gewöhnt man sich gern.
IIm
Gegensatz zum Hotel, in welchem man Touristen gewohnt war, war dies in der
Stadt selbst anders. Meist blickte man uns direkt und unverstohlen neugierig
an und wenn die Blicke aus weiterer Entfernung kamen dann traten sie einfach
näher heran.
Die Verständigung
verlief größtenteils mit Händen und Füßen aber
auch über Taiji!
Beim
herrlichen Abendessen bei Xia tao und seiner Familie zuhause ging es hauptsächlich
über Taiji. Fand man keine Worte und nichts ansonsten Klärendes
wurde eben taiji als Ausdrucksmittel genutzt zum Spaß aller beteiligten.
Die chinesischen Bekannten und Freunde, die an diesem Abend noch dazu kamen
ich glaube in China ist man nie ganz vollzählig denn ständig kommt
Neues trugen auch ihren Teil dazu bei, z.B. gabs Tuina von Lehrer Zheng,
pushhands nach dem Dessert mit Frau Li.
Ähnlich
ist es auch mit öffentlichen Plätzen, an denen man Taiji für
sich üben wollte, so in Ruhe eben, und war doch den Erklärungen
und Kommentaren chinesischer Passanten ausgeliefert. Ist ja auch kein Wunder
wenn da so eine "Langnase" versucht zu "taijien"!
Eben
China! Und wieder anders auf "unserem" Berg, dem Wushan:
Und
hier knabbere ich wirklich noch an diesem süßen "etwas", etwas,
was ich vorher noch nicht erlebt hatte und immer noch an mir klebt.
Es
fing an mit dieser Fotosession auf den Wushantreppen mit den süßen
Opies, die nur so da saßen und saßen, uns in ihren Kreis freundlich
aufnahmen und uns viel zu "sagen" hatten. Irgendeiner hatte dann die Idee
wir seien aus Rumänien. Ich widersprach zuerst aber nach einigen Wortgefechten
saß ich halt als Rumäne dort. Eben Gobi auf dem Wushan. Die Verabschiedung
später war so innig und herzlich daß nur noch knutschen das Ganze
ergänzt hätte.
Ja, jetzt standen Jürgen und ich auf der Ebene des alten daoistischen Klosters und formierten uns, ich meine: Wir eröffneten unser Taiji auf dem Wushan und ...
Was dann passierte läßt sich nicht in Worte fassen, nicht mal von mir. All denjenigen, die das Glück haben sollten mal auf dem Wushan zu stehen und dort üben. Ich wünsche süßes Knabbern, einfach so!
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