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Schmerz als sensorischer Prozess
Ist doch toll, solch eine Alarmanlage. Verrückt eher, dass wir uns darüber
ärgern, wenn sie denn losgeht. Würden wir uns tatsächlich an
unsere "Leitstelle", unser Bewusstsein, wenden so könnten auch
adäquate Maßnahmen getroffen werden. In der Regel jedoch ärgern
wir uns nur darüber, dass diese Anlage schon wieder angesprungen ist
und suchen nach dem schnellstmöglichen Abschaltknopf.
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Schmerz als energetischer Prozess
Unsere Aufmerksamkeit, und damit Blut, yi und qi sammeln sich am "Tatort",
Energien bündeln sich zentral an der entsprechenden Stelle um sofort
mit der "Reparatur" zu starten und weiterhin alles andere hiervon
abzuschotten (waiqi). Natürlich ist hier, dass es zu einer Blockade führt.
Wenn auf einer Kreuzung ein Unfall stattfindet und Kranken- und Notarztwagen
auf der Kreuzung stehen, Ärzte und Helfer (und Zuschauer) am Unfallort
umtriebig sind ist auch erst mal Ende mit dem freifließenden Verkehr
auf der Kreuzung.
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Schmerz als physisches und als psychisches Phänomen
Bislang habe ich das Thema von der physischen Ebene her betrachtet. Doch auch
auf der psychischen Ebene empfinden wir Schmerz. Trennung ist ein bekanntes
Phänomen, Abschied, aber auch z.B. Einsamkeit. Schmerz ist ein Ausdruck
von Leiden.
Die essentielle Frage ist, wie wir mit dem Phänomen Schmerz umgehen.
Eine verbreitete Falle ist hier die Trennung zwischen Identität und Schmerz.
"Ich habe Schmerzen!" suggeriert mir und anderen, dass ich es gleich
ablegen könnte, dass es nicht zu mir gehört, dass es etwas ist,
was ich zwar im Augenblick habe aber nicht mit ihm verbunden bin, wie "Ich
habe einen Hut. Ich habe einen Kugelschreiber!" Wir können sie aufsetzen,
einstecken oder in den Schrank zurücklegen.
Tatsächlich aber ist der Schmerz ein Teil von uns, es ist unsere Alarmanlage,
so wie wir auch eine Abfallbeseitigungsanlage, eine Kraftwerk, ein Belüftungssystem
nicht nur haben, sondern all das SIND. Deshalb ist es wichtig, Schmerz als
solchen Teil von uns anzunehmen und adäquat damit umzugehen.
Schmerz aus fernöstlicher Sicht
Schmerz, Leiden an sich, hat seine größte Komponente in unserem
Bedürfnis, etwas zu begehren was uns nicht erreichbar erscheint. Buddhas
Vier Wahrheiten, kurz zusammengefasst, sind:
- Leben bedeutet auch Leiden
- Das Leiden hat eine Ursache
- Wenn das leiden eine Ursache hat, dann hat es auch ein Ende
- Wenn es ein Ende des Leids gibt, dann gibt es auch einen Weg heraus aus
dem Leiden
Ich komme zurück auf meine oben beschriebenen einfachen Beispiele des
Schmerzes:
Meine Kopfschmerzen haben zwei Komponenten: Die eine ist die Alarmwirkung
meines Körpers, die andere, dass ich mich nach einem schmerzfreien Zustand
sehne und darunter leide, dass es jetzt im Augenblick nicht so ist. In dieser
Haltung verleugne ich das "hier und jetzt" und wünsche mich
hinein in einen anderen Zustand.
Der Schmerz der Trennung, des Abschieds wird umso schlimmer, je mehr und öfter
ich an dem Bild des Verbundenseins/Einsseins und den Erinnerungen festhalte.
Ich mag die neue Erfahrung der Veränderung nicht annehmen und sehne mich
vielmehr in einen anderen Zustand hinein.
In gewissem Sinne können wir Buddhismus als eine Form verstehen, sich
von Freude und Leid der Welt/des Seins berühren zu lassen um diese Erfahrung
zu transformieren. Wissenschaftlich terminiert eine auf das Leben bezogene
Sekundär- und Tertiärprävention.
Der Daoismus geht noch eine Stufe weiter, indem er versucht, das Sein/Leben
derart zu kultivieren, dass leidvolle Erfahrungen möglichst nicht durchlaufen
werden. Somit eine Art Primärprävention. Ein altes chinesisches
Sprichwort sagt beispielsweise, dass derjenige, der krank wird, einen schlechten
Arzt hat. Im traditionellen China war es Aufgabe des Arztes, dafür Sorge
zu tragen, dass ein Patient nicht krank wird.
Daran können wir erkennen, wie weit wir uns heute weiterentwickelt haben.
In unserer technisierten Welt glauben wir offenbar sämtliche Grenzen
überschreiten zu können und wenn dann unsere Maschine (Körper
und Geist) nicht mehr so recht mitmacht, dann muss der Mechaniker ran und
halt ein paar Knöpfe drehen und herumschrauben, damit wir wie bisher
weitermachen können. Oder sollten wir etwas verändern? Ui, das wäre
allerdings eine Menge Arbeit.
Richtig, und hier beginnt die Kultivierung des Seins!
Text und Copyright © 2002 Paul Shoju Schwerdt
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