Wie es
dem Mönch mit der Erleuchtung geht so mag es vielen auch mit dem Wohlergehen,
mit der Gesundheit, mit dem Zufriedensein gehen. Beständig sind wir hinter
ihr her, eilen ihr nach. Aber wie kann sich eine Blume, ein Baum und auch
ein Mensch entfalten, wenn er beständig läuft? Saint-Exupery schrieb
in seinem Buch Der kleine Prinz in dem Dialog zwischen dem Fuchs und dem Prinzen:
"Man sieht nur mit dem Herzen gut!" In meinem Buch "Die Frage,
der Wald und der Weg" heißt es u.a. : Stille ist das Licht des
Herzens. Damit das Herz sehen kann braucht es Licht und dieses Licht ist die
Stille, das Innehalten. Hier auch die Parallele zur TCM: "Das Herz speichert
das shen (den Geist)" heißt es in den Klassikern. Nähren wir
das Herz, so vermag unser Geist klar zu sehen, so wie man an einem Gewässer
bei Windstille den Grund zu sehen vermag.
"Entfaltet sich die Blume?" würde ich als Zen-Lehrer in Form
eines Koans fragen. Nein, sie macht NICHTS, sie IST eine Blume - oder krass
ausgedrückt, sie unternimmt auch nichts dagegen - und das simple Ergebnis
IST die Entfaltung.
In einem daoistischen Lehrtext, dem san-tung-qi (Die dreifache Einheit) steht:
"Himmel und Erde sind zeitlos, weil sie fortwährend vom Atem des
Dao, der Quelle des lebens, erneuert werden. Wenn Menschen den Atem des Dao
kultivieren und ihn im Körper zirkulieren lassen, vermögen sie unsterblich
zu werden und mit Himmel und Erde eins zu sein."
Das Schlüsselwort des zweiten Satzes ist für mich das LASSEN.
So bedeutet "das Herz nähren" nicht unbedingt, dem nachzueilen,
was wir begehren. Es kann vielmehr zunächst bedeuten, innezuhalten und
dem Herzen zu lauschen. Immer wieder mache ich selbst auch die Erfahrung,
dass mein augenblickliches Begehren verschieden ist von dem, was mein Herz
braucht.
Auch das Qi, die Lebenskraft, vermag sich erst dann zu entfalten, wenn wir
ihm auch die Gelegenheit dazu bieten - es lassen! Oftmals aber sind wir eher
mit dem Gegenteil beschäftigt, "weil anderes gerade wichtiger ist!"
So eilen wir weiter den Fahnen hinterher, die wir uns - wie der Esel und die
Möhre - vor die Nase hängen. Dabei könnte es vielleicht sein
dass wir in dem Augenblick etwas Wesentliches und Kraftvolles agieren lassen,
wenn wir innehalten.
Manche bekommen annähernd Panik bei dem Gedanken daran, innezuhalten.
Verbunden damit ist der Gedanke, dann gar nicht mehr zu "funktionieren".
Dahinter steckt oft die Angst, zuwenig Anerkennung, Liebe von anderen und
nicht zuletzt auch von sich selbst zu bekommen. Doch schauen wir uns diesen
Aspekt einmal genauer an: Gibt es einen liebenswürdigeren und wertvolleren
Menschen, als denjenigen, der innehält, wirklich ganz und gar da ist,
hier ist?
Text und Copyright © 2002 Paul Shoju Schwerdt
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